Neue Strategien gegen Krebs und Diabetes
(Artikel MaxPlanckForschung)

Interview mit Professor Axel Ullrich vom Max-Planck-Institut für Biochemie

14. April 2011

Von Diabetes zu Krebs und wieder zurück – Axel Ullrich vom Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried kehrt zu seinen Ursprüngen zurück. Hier spricht er über Erfolge, Enttäuschungen und neue Herausforderungen im Kampf gegen die beiden Volkskrankheiten.

Interview und Text: Klaus Wilhelm

Axel Ullrich, Wissenschaftler und Geschäftsmann: "Ich bin sicher nicht berufen, Unternehmer zu sein."

Axel Ullrich wirkt zuweilen nachdenklich an diesem Nachmittag im März in seiner Wohnung in der Münchner Innenstadt. Eine Operation an der Achillessehne legt den Direktor der Abteilung Molekularbiologie am Max-Planck-Institut für Biochemie lahm. „Sechs Wochen Reha“, sagt er und bewegt sich mühsam auf seinen Krücken  -  für den so kreativen wie dynamischen Wissenschaftler eine harte Fessel. Alle Termine im Labor in Martinsried vor den Toren Münchens wurden bis auf weiteres abgesagt.

Das drückt zuweilen auf die Stimmung. Doch beim Stichwort Diabetes hellt sich der Gesichtsausdruck von Axel Ullrich augenblicklich auf. Noch vor seiner Karriere als Krebsforscher hat Ullrich einen Meilenstein in der Behandlung von Diabetes gesetzt. Zusammen mit Kollegen der University of California entwickelte der Wissenschaftler 1977 ein Verfahren, mit dem sie eine Kopie des menschlichen Insulin-Gens auf Bakterien übertragen konnten.

Auf Befehl von Insulin wird Zucker aus dem menschlichen Blut entfernt – ein Prozess, der bei Diabetikern wenig oder gar nicht  mehr funktioniert und zu teilweise schweren Problemen wie Nierenschäden, Erblindung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Ullrichs Leistung ermöglichte erstmals die industrielle Herstellung menschlichen Insulins und erleichtert seitdem das Leben von Millionen von Diabetikern, da sie nicht mehr auf weniger verträgliches tierisches Insulin angewiesen sind. Und jetzt:

Ullrich (lachend): Es ist unglaublich, da schließt sich ein Kreis, weil ich nach mehr als 30 Jahren in die Diabetes-Forschung zurückkehre. Altbekannt und trotzdem absolutes Neuland für mich – das ist spannend. Zwei Doktoranden habe ich darauf angesetzt. Das hat mir immer am meisten Spaß gemacht: Forschung mit jungen motivierten, intelligenten Leuten zu machen, die Enthusiasmus mitbringen.

Worum geht es genau?

Ullrich: Eine völlig verrückte Geschichte. Wenn Patienten mit Nierenkrebs, die gleichzeitig Diabetiker sind, mit dem von mir entwickelten Krebs-Medikament Sutent behandelt werden, brauchen sie plötzlich kein Insulin mehr. Sutent wirkt also anti-diabetisch. Das ist perfekt für mich und hat mich sofort begeistert.

Warum?

Ullrich: Weil wir auf dieser Basis vielleicht ein neues Medikament gegen Diabetes schaffen können. Dann kam noch der Zufall zu Hilfe. Ich hatte Kontakt mit dem Forschungsleiter der Pharma-Firma GlaxoSmithKline. Dem habe ich das kurz erzählt, und der hat nur gesagt: „Toll! Da steigen wir ein!“ So kam eines zum anderen. Jetzt haben wir von GlaxoSmithKline sechs Millionen Euro bekommen, um dieses Projekt hoffentlich erfolgreich weiterzuführen. Das ganze zeigt die zentrale Bedeutung der Kinasen für alle möglichen Lebensvorgänge und physiologischen Prozesse.

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