Am 29. Oktober ist nach kurzer und schwerer Krankheit unser Kollege Stefan Jentsch, leitender Direktor der Abteilung „Molekulare Zellbiologie“ am MPI für Biochemie im Alter von 61 Jahren verstorben.

Stefan Jentsch hat fundamentale Beiträge zur Erforschung der Funktion des Ubiquitins und Ubiquitin-ähnlicher Systeme geleistet. Die Modifikation von Proteinen mit dem kleinen Protein Ubiquitin war ursprünglich als Markierung für deren Abbau durch das Proteasom beschrieben worden. Stefan Jentsch machte die grundlegende Entdeckung, dass die Modifizierung mit Ubiquitin neben dem Proteinabbau auch umfangreiche essenzielle Funktionen in der Zellregulation erfüllt. So konnte er unter anderem zeigen, dass das Ubiquitin-System eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Genomstabilität und der DNA-Reparatur hat. Diese Arbeiten haben zu ganz neuen Einsichten in die molekularen Mechanismen der Mutagenese geführt. Sie sind von hoher medizinischer Relevanz für das Verständnis der Entstehung genetischer Krankheiten und Krebs.

Stefan Jentsch studierte Biologie an der Freien Universität Berlin (1974-79). Seine Dissertation führte er zum Thema „DNA Modifikationen durch Methyltransferasen“ bei Thomas A. Trautner am MPI für Molekulare Genetik durch (Promotion 1983). Von 1985-88 war er Postdoktorand im Labor von Alexander Varshavsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. Dort begann er seine bahnbrechenden Arbeiten am Ubiquitin-vermittelten Proteinabbau. Diese Thematik spielte fortan eine zentrale Rolle in seiner Forschungstätigkeit, zunächst als Gruppenleiter am Friedrich-Miescher-Laboratorium der MPG in Tübingen (1988-93) und danach als Professor am Zentrum für Molekulare Biologie in Heidelberg (ZMBH). Seit 1998 war Stefan Jentsch Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktor der Abteilung „Molekulare Zellbiologie“ am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried.

Stefan Jentsch gehörte zu den international herausragenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet der molekularen Zellbiologie. Seine Forschung war geprägt von außergewöhnlicher Produktivität und Kreativität. Für seine fundamentalen Beiträge zur Regulation zellulärer Prozesse durch Ubiquitin ist er vielfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Max-Planck Forschungspreis und dem Louis-Jeantet Preis für Medizin. Neben seiner Forschung war Stefan Jentsch die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein besonderes Anliegen, für das er sich auf allen Ebenen einsetzte. Viele seiner Doktoranden und Postdoktoranden sind zu international erfolgreichen Wissenschaftlern avanciert. Mit Stefan Jentsch verlieren wir nicht nur einen herausragenden Wissenschaftler, sondern auch einen wunderbaren Kollegen. Sein viel zu früher Tod hinterlässt im Institut und in der Forschungsgemeinschaft eine tiefe Lücke.

 
loading content