F.-Ulrich Hartl erhält renommierten japanischen Wissenschaftspreis

F.-Ulrich Hartl, Direktor am Max-Planck-Instituts für Biochemie, erhält den diesjährigen „Keio Medical Science Prize“ für die Aufklärung der Mechanismen der durch molekulare Chaperone vermittelten Proteinfaltung und darauf aufbauende Erkenntnisse.

18. September 2026

Den japanischen Keio Medical Science Prize erhält F.-Ulrich Hartl, Direktor und Leiter der Abteilung „Zelluläre Biochemie“ am Max-Planck-Institut für Biochemie für die „Aufklärung der Mechanismen der durch molekulare Chaperone vermittelten Proteinfaltung und darauf aufbauende Erkenntnisse. Der von der ältesten privaten Universität Japans verliehene Preis würdigt seine herausragenden Beiträge auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ist mit 10 Millionen japanischen Yen dotiert. Die Preisverleihung findet am 26. November an der Keio Univerität in Tokio, Japan statt.

Proteine sind die Bausteine des Lebens. Sie sind aus Aminosäuren, ihren Grundbausteinen, aufgebaut. Damit Proteine ihre spezifischen, lebenswichtigen Aufgaben übernehmen können, müssen sie korrekt gefaltet sein. Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich neu synthetisierte Proteine spontan falten, und zwar ausschließlich auf der Grundlage der in ihren Aminosäuresequenzen kodierten Informationen.

Wie neu hergestellte Proteine jedoch innerhalb der intrazellulären Umgebung ihre korrekte Faltung erlangen, blieb eine grundlegende ungeklärte Frage. F.-Ulrich Hartl konnte entscheidend zu der Entdeckung beitragen,  dass molekulare Chaperone, darunter die bekannten Hitzeschockproteine (Hsp), die Proteinfaltung aktiv fördern und die Proteinaggregation in Zellen verhindern – häufig über einen engergieabhängigen (ATP) Mechanismus. Diese bahnbrechende Entdeckung begründete das neue Paradigma, dass die Proteinfaltung Unterstützung durch molekulare Chaperone erfordert, eine Erkenntnis, die das Gebiet der molekularen Zellbiologie grundlegend veränderte.

F.-Ulrich Hartl klärte darüber hinaus die molekularen Strukturen und Mechanismen von Chaperon-Komplexen auf und erforschte das kooperative Chaperon-Netzwerk, welches das intrazelluläre Proteingleichgewicht aufrechterhält. Er wies nach, dass eine Störung der Proteinfaltung zu toxischer Proteinaggregation führt, die ein zentraler Mechanismus neurodegenerativer Erkrankungen ist. Damit schuf er die Grundlage für neuartige therapeutische Strategien.

Seine Arbeit hat sowohl die biomedizinische Grundlagenforschung als auch die klinische Medizin tiefgreifend beeinflusst.

„Ich möchte dem Preiskomitee meinen aufrichtigen Dank dafür aussprechen, dass es mich als einen der Preisträger des Keio Medical Science Prize 2026 ausgewählt hat. Es ist mir eine große Ehre, diese prestigeträchtige Auszeichnung für meine Beiträge zum Verständnis der Mechanismen der Chaperon-unterstützten Proteinfaltung und der entscheidenden Rolle molekularer Chaperone bei neurodegenerativen Erkrankungen im Zusammenhang mit Proteinaggregation zu erhalten,“ so Hartl. „Mein besonderer Dank gilt den vielen talentierten Studierenden und Postdoktoranden, mit denen ich das Vergnügen hatte, zusammenzuarbeiten. Was als rein neugier-motivierte Forschung begann, führte letztendlich zu unerwarteten Erkenntnissen von medizinischer Relevanz, die hoffentlich zu neuen Therapien führen werden,“ führt der Preisträger weiter aus.

Über den Preisträger

Franz-Ulrich Hartl wurde 1957 geboren und studierte Medizin an der Universität Heidelberg, wo er anschließend auch promovierte. Als wissenschaftlicher Assistent und dann Gruppenleiter wechselte er zu Walter Neupert an die Ludwig-Maximilians-Universität München. Ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ermöglichte ihm seinen ersten Forschungsaufenthalt an der University of California, Los Angeles. Als Professor und Investigator des Howard Hughes Medical Institute war er am Sloan-Kettering Institute und an der Cornell University in New York tätig. Im Jahr 1997 gelang es der Max-Planck-Gesellschaft den hochrangigen Wissenschaftler wieder nach Deutschland zurückzuholen. Seither leitet er am Max-Planck-Institut für Biochemie die Abteilung Zelluläre Biochemie. In den letzten Jahren wurden ihm eine Vielzahl von Wissenschaftspreisen zuerkannt. Dazu zählen, unter anderem, der Gottfried Wilhelm Leibniz Preis 2002, der Albert-Lasker-Preis für grundlagenmedizinische Forschung 2011, der Shaw-Preis zusammen mit Arthur L. Horwich 2012 und 2016 der Albany Medical Center-Preis zusammen mit Horwich und Susan Lee Lindquist. 2018 wurde Hartl in die Hall of Fame der deutschen Forschung aufgenommen, 2019 erhielt er den Dr. Paul Janssen-Preis sowie den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis. 2020 wurde er mit dem Breakthrough-Preis ausgezeichnet.

Über den Keio-Preis für Medizinwissenschaften

Die Keio-Universität, Japans älteste private Universität, verleiht den Keio Medical Science Prize zur Würdigung von Forschern, die einen herausragenden Beitrag auf dem Gebiet der Medizin oder der Lebenswissenschaften geleistet haben. Es ist der einzige Preis dieser Art, der von einer japanischen Universität verliehen wird. 13 Preisträger dieses Preises haben später den Nobelpreis erhalten. Der Preis wird jährlich an höchstens zwei Wissenschaftler vergeben und ist mit 10 Millionen japanischen Yen dotiert.

Glossar
Aminosäuren: sind die 20 Grundbausteine von Proteinen. Sie verbinden sich zu langen Aminosäureketten, die je nach ihrer spezifischen Reihenfolge die Struktur und damit die Funktion eines Proteins bestimmen.

ATP (Adenosintriphosphat): ist ein Mononukleotid, welches energiereiche Phosphatreste gebunden hat. ATP dient als zentrale Energiewährung in biologischen Prozessen.

Molekulare Chaperone: franz. Anstandsdame; eine Familie von Proteinen, die neu hergestellten Proteinen bei ihrer Faltung helfen.

 

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