Hier soll von einem anderen Verfahren die Rede sein, bei dem verhindert wird, daß elektrischer Strom durch die Schnittstelle Elektrode - Elektrolyt fließt. Zu diesem Zweck bedeckt man eine Siliziumelektrode mit einer dünnen Schicht aus isolierendem Siliziumoxid. Die Kopplung zwischen dem Silizium und einem aufgesetzten Neuron wird durch elektrische Influenz erreicht: (I) Auf das Silizium wird eine elektrische Ladung gebracht. Durch das Siliziumoxid und die Nervenmembran hindurch influenziert sie eine Komplementärladung im Neuron. (II) Eine Ladung wird auf das Neuron gebracht. Sie influenziert eine Komplementär- ladung im Silizium. In beiden Fällen ruft die influenzierte Ladung ein verstärktes Signal im Neuron (Aktionspotential) beziehungsweise im Silizium (Source-Drain-Strom) hervor, das leicht zu detektieren ist.

Bild 1: Neuron-Transistor. (A) Elektronenmikroskopische Aufnahme einer Retzius-Nerven- zelle des Blutegels auf dem metallfreien Gate eines Feldeffekt-Transistors. Source und Drain des Transistors sind durch das Profil der Oberfläche gekennzeichnet. (B) Source-Drain-Strom eines Neuron-Transistors (obere Linie) und intrazelluläre Spannung (untere Linie). Die positiven Veränderungen der intrazellulären Spannung rufen eine Unterdrückung des Stroms im p-leitenden Kanal des Transistors hervor.
Wir unterscheiden zwei Kopplungsarten: In B-Typ-Verbindungen entspricht die Modulation des Source-Drain-Stroms, wie Abbildung 1B zeigt, exakt der umgekehrten intrazellulären Spannung. In A-Typ-Verbindungen ist die Reaktion schwächer und ähnelt der negativen Steigerung der intrazellulären Spannung.
Um die Unterschiede der beiden Verbindungsarten zu kennzeichnen, haben wir die Signalübertragung vom Neuron auf das Silizium untersucht, indem wir unter Verwendung der Patch-clamp-Methode (whole cell mode) systematisch Wechselspannungen von 0,1 bis 5000 Hertz an das Neuron gelegt haben. Die Reaktion des Transistors wurde in bezug auf Amplitude und Phase aufgezeichnet. (2,3) Wie sich zeigte, unterscheidet sich die B-Typ- von der A-Typ-Verbindung durch einen erhöhten Widerstand des Spalts zwischen Zellmembran und Siliziumoxid und durch einen verminderten Widerstand der kontaktierten Zellmembran. Eine enge Adhäsion führt zu einer erhöhten Membranleitfähigkeit. Diese Modifikation der Membran ist reversibel. Wiederholte übergänge von der A-Typ zur B-Typ-Verbindung lassen sich einfach durch eine änderung der Kraft hervorrufen, mit der man die Zelle auf den Transistor drückt.(4)

Bild 2: Neuron-Stimulator. (A) Mikroskopische Aufnahme einer Retzius-Nervenzelle auf einem Stimulationsfleck mit eingestochener Mikroelektrode. Die radial verlaufenden Bahnen zeigen Regionen hochdotierten Siliziums an. In den kreisförmigen Feldern ist das Silizium durch eine dünne Oxidschicht isoliert. Der Rest des Chips ist mit einer dicken (1mm) Oxid- schicht bedeckt. (B) Intrazelluläre Spannung nach Anlegen von Spannungsstufen mit 4,8, 4,9 und 5,0 Volt am Stimulator. Wenn die Stimulation einen bestimmten Schwellenwert über- schreitet, tritt mit einer kleinen Verzögerung ein Aktionspotential auf.
Zur Kartierung der Zelladhäsion
Der aktive Bereich beider Systeme - des Transistors und des Stimulationsflecks - hat einen
Durchmesser von ungefähr 5 bis 10 mm. Stimulation und Detektion durch Influenz wird bei
kleinen Neuronen von Wirbeltieren nur möglich sein, wenn man kleinere Elemente verwendet.
Deshalb haben wir Transistoren mit einer Gate-Größe von 2 mm hergestellt. Sie sind in einer
Matrix von sechzehn Elementen angeordnet. Zu Testzwecken befestigen wir eine große
Nervenzelle des Blutegels auf der ganzen Matrix. Wir waren in der Lage, eine vollständige
Karte der elektrischen Verbindung im Adhäsionsbereich aufzuzeichnen.(6) Gegenwärtig werden
in weiteren Experimenten mit den kleinen Elementen Messungen an Rattenneuronen
vorgenommen.
Ausblick
Alle Neuron-Silizium-Kopplungen werden in Zellkulturen hergestellt, wobei die Oberflächen
der einzelnen Silizium-Mikrostrukturen und der einzelnen Zellen unbedingt sauber sein müssen.
Ein exakter und enger Kontakt von Membran und Siliziumoxid ist die Voraussetzung für eine
wirksame Verbindung durch Influenz. Im Hinblick auf die Anwendung der Technik in einem
Gewebe sind zwei Fragen zu beantworten: Ist es möglich, einen elektrochemisch stabilen,
hochintegrierten Chip mit Tausenden oder Millionen von Kontaktstellen herzustellen? Ist es
möglich, Tausende von Neuronen, die in die extrazelluläre Matrix und in Gliazellen eingebettet
sind, in direkten Kontakt mit den aktiven Mikrostrukturen zu bringen?
Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt (Projekt Fr 348/9).
Literatur
(1). A Neuron-Silicon-Junction: A Retzius-Cell of the Leech on an Insulated-Gate
Field-Effect Transistor.
P.Fromherz, A.Offenhäusser, T.Vetter, J.Weis, Science 252 (1991) 1290-1293
(2). Neuron-Transistor: Electrical Transfer Function measured by the Patch-Clamp Technique.
P.Fromherz, C.O.Müller, R.Weis, Phys.Rev.Lett. 71 (1993) 4079-4082
(3).
Frequency Dependent Signal-Transfer in Neuron-Transistors.
R. Weis, P. Fromherz, Phys.Rev.E 55 (1997) 877-889
(4).
Bistability of Membrane Conductance in Cell Adhesion observed in a Neuron-Transistor
M. Jenkner, P. Fromherz, Phys.Rev.Lett., 79 (1997) 4705-4708
(5).
A Silicon-Neuron Junction: Capacitive Stimulation of an Individual Neuron on a Silicon Chip
P. Fromherz, A. Stett, Phys.Rev.Lett. 75 (1995) 1670-1673
(6).
Neuron Adhesion on Silicon Chip probed by an Array of Field-Effect Transistors
R. Weis, B. Müller, P. Fromherz, Phys.Rev.Lett. 76 (1996) 327-330
(7).
Two-Way Silicon-Neuron Interface by Electrical Induction
A. Stett, B. Müller, P. Fromherz, Phys.Rev.E 55 (1997) 1779-1782